Du kennst das: Beim Familienessen, im Büro oder auf einer Party fällt so ein Spruch – und dir fehlen die Worte. In Das stimmt so nicht! sammeln Organisationen aus der Zivilgesellschaft Wissen und Argumente zu den großen Fragen unserer Zeit. Im Magazin vertiefen sie diese Themen. Heute: Deutschland wird sicherer.
In Deutschland hat sich ein Narrativ durchgesetzt, das ganze Gruppen unserer Gesellschaft unter Generalverdacht stellt. Es geht um Kriminalität und die Behauptung, Deutschland sei aufgrund der beiden großen Fluchtbewegungen 2015/16 und 2022 so unsicher wie noch nie.
In unserem Beitrag für Das stimmt so nicht! haben wir die wichtigsten Argumente zur Stammtischparole "Früher war Deutschland sicherer" aufgeschrieben, denn das Thema Kriminalität ist viel zu vielschichtig, um es auf eine Floskel herunterbrechen zu können. Anhänger*innen der Parole betreiben oft "Cherry Picking" – also eine Taktik, bei der in einer Diskussion nur einzelne Zahlen herausgepickt und andere, wichtige Fakten ignoriert werden.
Wer spricht hier?
Thomas Laschyk ist Gründer und Chefredakteur des preisgekrönten Anti-Fake-News Blog Volksverpetzer. 2024 veröffentlichte er sein erstes Buch "Werbung für die Wahrheit". Sophie Scheingraber ist Redakteurin und Projektmanagerin beim Volksverpetzer. Neben der Redaktionsarbeit baut sie federführend die Volksverpetzer-Workshops auf.
Häufig wird in Diskussionen über die Sicherheit in Deutschland auf Zahlen der Polizeilichen Kriminalstatistik (PKS) zurückgegriffen. Das Bundesinnenministerium präsentiert dazu jährlich im Frühjahr neue Zahlen, jeweils über das vergangene Jahr. Erst nach Redaktionsschluss für Das stimmt so nicht! erschien die PKS für das Jahr 2025. Auf die neuen Zahlen und eine tiefergehende Einordnung blicken wir in diesem Magazinbeitrag.
Die PKS 2025 im Überblick
97,7 Prozent aller in Deutschland lebenden Menschen wurden im vergangenen Jahr nicht wegen einer Straftat polizeilich registriert – und 95,2 Prozent aller in Deutschland wohnhaften Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit auch nicht, wenn man in beiden Berechnungen ausländerrechtliche Verstöße (also solche, die fast ausschließlich von Menschen ohne deutsche Staatsangehörigkeit begangen werden können) herausrechnet. Mehr zur eingeschränkten Aussagekraft der PKS liest du weiter unten.
Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt. Im Global Peace Index nimmt Deutschland für das laufende Jahr 2026 derzeit Platz 28 von 163 Ländern ein (Stand: Juni 2026). Migration nach Deutschland hat die Kriminalität in den letzten 20 Jahren nicht wirklich erhöht. Die Zahl der Straftaten, die du in der oberen Grafik unten pro 100.000 Einwohner*innen gerechnet (entspricht der Kriminalitätsrate) siehst, ist rückläufig. Gleichzeitig steigt der Anteil von Menschen ohne deutsche Staatsbürgerschaft, die in Deutschland leben – was du in der Grafik unten sehen kannst.
Einen Teil der erfassten Straftaten machen Fälle von Gewaltkriminalität aus, die häufig besonders im Fokus steht. Dazu zählen unter anderem Mord und Totschlag, schwere Sexualdelikte, Raubdelikte sowie gefährliche und schwere Körperverletzung. Während die polizeilich erfassten Fälle von Gewaltkriminalität 2024 noch leicht anstiegen im Vergleich zum Vorjahr, gingen sie 2025 um 2,3 Prozent zurück.
Blickt man nicht nur auf die absoluten Zahlen der polizeilich erfassten Straftaten, sondern auf den Anteil der Tatverdächtigen in der Gesellschaft, sieht man, dass er seit 2009 insgesamt gesunken ist. Mehr dazu findest du bei Correctiv.
Die Schwächen der PKS
Die Kriminalitätsforschung bemängelt schon seit Langem, dass die PKS als der "Goldstandard" zur Messung der Kriminalität in Deutschland verwendet wird. Denn die PKS stellt nur einen "sehr kleinen, stark verzerrten Ausschnitt der Kriminalitätsentwicklung in ungenauer Weise" dar, wie der deutsche Rechtswissenschaftler und Kriminologe Tobias Singelnstein in der FAZ schreibt. Eigentlich ist die PKS ein Tätigkeitsbericht der Polizei – nicht mehr, nicht weniger.
In die PKS gehen Delikte ein, die die Polizei aufnimmt (meist infolge einer Anzeige) und die sie am Ende an die Staatsanwaltschaft abgibt. Wer eine Straftat wirklich begangen hat und dafür rechtskräftig verurteilt wurde, kann sie nicht sagen.
In einigen der in der PKS aufgeführten Fälle eröffnet die Staatsanwaltschaft gar kein Verfahren, oder das Ermittlungsverfahren wird eingestellt – oder ein*e Richter*in verhängt einen Freispruch. Eine Statistik, die "die die einzelnen Fälle von der Polizeiwache bis in den Gerichtssaal verfolgt", wie Correctiv schreibt, gibt es nicht.
Wenn die Zahlen möglicher Straftaten in einem Deliktsbereich steigen, heißt das nicht automatisch, dass es tatsächlich mehr Delikte gibt. Es ist zwar möglich – es kann aber auch einfach sein, dass die Menschen in Deutschland schlichtweg mehr zur Anzeige gebracht haben. Die PKS beleuchtet also lediglich das kriminologische Hellfeld: Delikte, die zur Anzeige gebracht wurden.
Beispielsweise im Bereich Partnerschaftsgewalt gibt es jedoch ein sehr großes Dunkelfeld, also potenziell sehr viele Taten, von der die Polizei überhaupt nichts weiß. Kriminolog*innen fordern daher vor allem mehr Dunkelfeldforschung. Nur durch die Betrachtung des Hellfeldes kann man keine wirklich umfassende Aussage zur Kriminalitätsbelastung ableiten – auch wenn führende Politiker*innen jedes Jahr aufs Neue so tun.
Wenn du "Das stimmt so nicht!" mochtest, wirst du dieses Buch lieben
Thomas Laschyk erklärt in "Werbung für die Wahrheit" unterhaltsam, warum mit Fakten allein zu kontern oft nicht ausreicht. Gewappnet mit den Argumenten aus "Das stimmt so nicht!" lernst du in Thomas' Buch, wie du Fakten in überzeugende Geschichten packst.
Warum die Kategorie "nichtdeutsch" irreführend ist
Neben der Anzahl möglicher Straftaten erfasst die PKS auch die Anzahl von Opfern und Tatverdächtigen. Die Statistik weist Tatverdächtige in "deutsch" und "nichtdeutsch" aus. Fakt ist, dass Tatverdächtige ohne deutsche Staatsbürgerschaft in der PKS rein rechnerisch überproportional häufig vertreten sind. Doch es gibt mehrere große "Aber".
"Nichtdeutsche" Tatverdächtige in der PKS müssen nicht zwingend in Deutschland ansässig sein. Auch Tourist*innen oder Pendler*innen gehen in die Statistik ein – etwa ein Österreicher, der bei einem Tagesausflug nach München eine Straftat begeht.
Neuere Statistiken arbeiten mit der Tatverdächtigenbelastungszahl (TVBZ). "Diese Zahl berücksichtigt nur Menschen, die in Deutschland wohnen. Auch, wenn man diesen Faktor berücksichtigt, zeigt sich eine 2,6 mal höhere Straffälligkeit von Ausländern im Verhältnis zu Deutschen", wie der Mediendienst Integration schreibt. Und auch hierfür gibt es Erklärungen.
Die Anzeigebereitschaft ist in der Bevölkerung höher, wenn mutmaßliche Täter*innen als "fremd" wahrgenommen werden. Das zeigen Studien. Zudem werden Menschen auch aufgrund äußerer Merkmale von der Polizei kontrolliert, obwohl Racial Profiling in Deutschland verboten ist. Möglicherweise geraten Personen ohne deutsche Staatsangehörigkeit auch aus diesem Grund schneller in die Statistik.
Wer die Ursachen von Straftaten verstehen will, muss tiefer gehen. Ob jemand kriminell wird, hängt von bestimmten Risikofaktoren ab. Besonders relevant sind Alter, Geschlecht und sozioökonomische Bedingungen: Junge Männer begehen mehr Straftaten als Senior*innen.
Weitere wichtige Faktoren sind Armut, Bildung, das soziale Umfeld und die Bleibeperspektive. Auch Gewalt- und Männlichkeitseinstellungen sowie fundamentalistische Orientierungen werden in der Kriminologie seit Langem als Einfluss untersucht.
Ganz wichtig ist daher festzuhalten, dass Kriminalität in erster Linie ein soziales Problem ist und kein "Migrationsproblem", so wie es dir AfD und Co. regelmäßig einreden wollen.
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Das stimmt so nicht! ist ein Projekt von Mein Grundeinkommen. Seit über zehn Jahren verlosen wir Bedingungslose Grundeinkommen und erforschen, wie finanzielle Sicherheit das Leben von Menschen verändert. Vielleicht möchtest du selbst mitmachen:
Expert*innen betonen, dass Deutschland es selbst in der Hand hat, wie viel Kriminalität entsteht. Sichere Bleibeperspektiven und echte Teilhabe, insbesondere auf dem Arbeitsmarkt, schaffen Planungssicherheit – die "beste Kriminalprävention".
Maßnahmen zur Migrationsbegrenzung und migrationspolitische Regeln, die echte Teilhabe erschweren, tragen definitiv nicht zu einer lösungsorientierten Bekämpfung von Kriminalität bei.
Was in der Diskussion rund um Kriminalität und Sicherheit in Deutschland oft vergessen wird: Die Gesamtzahl rassistischer Straftaten erreichte 2025 einen neuen Höchststand. Die meisten dieser Straftaten waren politisch rechts motiviert. Von Straftaten gegen Flüchtlingsunterkünfte werden die meisten nicht aufgeklärt.
Klar ist: Jede Gewalttat ist eine zu viel. Die Erfahrungen und Perspektiven von Betroffenen verdienen es, ernst genommen zu werden – nicht relativiert, kleingeredet oder für politische Zwecke instrumentalisiert. Das gilt besonders für Menschen, die von Diskriminierung betroffen sind, etwa migrantisierte Menschen oder People of Color. Sie erleben nicht nur häufiger rassistische Anfeindungen, sondern berichten auch immer wieder davon, dass ihre Erfahrungen von Behörden, Institutionen oder ihrem Umfeld infrage gestellt werden.
Klar ist außerdem: Deutschland erlebt nach zwei großen Fluchtbewegungen eine überdurchschnittlich sichere Periode und ist eines der sichersten Länder der Welt. Wer über Gewalt spricht, sollte unbedingt beides tun: Betroffenen zuhören und gleichzeitig auf Fakten schauen. Nur so lassen sich tatsächlich Sicherheit, Gerechtigkeit und gesellschaftlicher Zusammenhalt stärken.
Und du? Wie erlebst du die Debatte über Kriminalität und Sicherheit in Deutschland? Welche Argumente begegnen dir im Alltag besonders häufig? Wir freuen uns auf deinen Kommentar.
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