Längere Erwerbsarbeit, Kapitalmarkt und mehr Eigenvorsorge: Die sogenannte Alterssicherungskommission hat ihren Bericht für eine Reform der gesetzlichen Rente an die Bundesregierung übergeben – sogar eine Woche früher als geplant. Bundeskanzler Merz und seine Regierung kündigten bereits an, die Vorschläge vollständig umsetzen zu wollen. Daran gibt es Kritik – auch von uns.
Wir werden älter, Lebensläufe verlaufen heute oft anders und vielfältiger als noch vor wenigen Jahrzehnten, und auch die Arbeitswelt verändert sich. Gleichzeitig wächst die Unsicherheit darüber, wie soziale Sicherheit im Alter künftig gewährleistet werden kann.
Vor all diesen Herausforderungen steht auch unser Rentensystem. Die Rentenkommission hat in ihrem Bericht klar benannt, dass sich Lebensläufe und Arbeitswelt grundlegend verändern. Aber: Sie gibt leider zu wenige Antworten, wie wir diesen Herausforderungen langfristig begegnen.
Der Vorschlag der Rentenkommission ist das Ergebnis von hunderten Stunden Arbeit. Er orientiert sich an wissenschaftlichen Erkenntnissen und Fakten – nicht daran, was vermeintlich Wähler*innenstimmen bringt oder einer Parteilinie entspricht, wie es in Debatten über soziale Sicherung leider sonst oft der Fall ist. Das verdient Anerkennung.
Gerade deshalb hat es uns überrascht, dass der Vorschlag der Kommission so kurz greift. Er versucht vor allem, das bestehende System auch in Zukunft zu stabilisieren. Doch auf die Herausforderungen einer sich wandelnden Arbeitswelt gibt er keine ausreichenden Antworten.
Drei Punkte sehen wir besonders kritisch:
Der Bericht setzt auf die Annahme, dass dauerhaftes Wirtschaftswachstum langfristig realistisch und wünschenswert ist
Der Bericht orientiert sich an möglichst langen und lückenlosen Erwerbsbiografien, obwohl sie schon heute nicht mehr der Realität entsprechen
Der Bericht gibt keine überzeugende Antwort auf Altersarmut
Eine zentrale Stoßrichtung des Berichts lautet: Menschen sollen länger lohnarbeiten, möglichst ohne Unterbrechungen. So sollen sie mehr Beitragsjahre sammeln und ihre soziale Absicherung über Erwerbsarbeit organisieren – ergänzt durch Kapitalerträge.
Ja, richtig gelesen: Künftig soll es nach schwedischem Vorbild einen zusätzlichen Rentenbeitrag geben. Dieser Beitrag soll in individuelle weltweite Fonds fließen und am Kapitalmarkt Rendite für die künftigen Rentner*innen erwirtschaften.
Das beantwortet aber nicht, wie die finanziellen Belastungen der kommenden Jahre bewältigt werden sollen. Denn mit dem Renteneintritt der Babyboomer-Gereration steigt der Druck auf das Rentensystem schon jetzt. Die vorgeschlagene Kapitalrente wirkt dagegen potenziell erst langfristig, wenn über viele Jahre Geld eingezahlt, Vermögen aufgebaut und Rendite erzielt worden ist.
Außerdem setzt diese neue Rentenkomponente voraus, dass es auch in Zukunft ein dauerhaftes Wachstum am Kapitalmarkt gibt. Ob das realistisch und wünschenswert ist, ist strittig: mit Blick auf unseren Planeten, der kontinuierliches Wachstum nicht unbegrenzt tragen kann, aber auch mit Blick auf die künftigen Rentner*innen, die heute Arbeitnehmer*innen sind.
Denn hohe Gewinne und Renditen entstehen oft dort, wo Unternehmen geringe Kosten haben. Das kann Druck auf Löhne, Personal und Arbeitsbedingungen erzeugen. Für viele Menschen entsteht damit ein Dilemma: Soll es mir heute gut gehen oder später?
Beispiel: Wenn deine Rente vom Aktienkurs abhängt
Stell dir vor, ein Teil deiner Rentenbeiträge steckt breit in Aktien großer Unternehmen — zum Beispiel auch in einem globalen Logistikkonzern.
Genau darin liegt das Dilemma: Was gut für deine Arbeitsbedingungen ist, ist nicht automatisch gut für die Rendite deiner Rente – und umgekehrt.
Lange und durchgehend zu arbeiten ist ein Wunsch – aber keine Lösung
Schon heute können viele Menschen nicht ihr ganzes Leben ohne Unterbrechung arbeiten. Sorgearbeit, Teilzeit, Krankheit, Arbeitslosigkeit, prekäre Beschäftigung oder Diskriminierung gehören für viele zur Lebensrealität. Frauen, Alleinerziehende, Menschen mit Behinderung, Menschen mit Migrationsgeschichte oder Menschen in körperlich belastenden Berufen erleben solche Brüche besonders häufig. Und genau diese Brüche führen auch heute schon oft zu Altersarmut.
Durch digitale Transformation, künstliche Intelligenz und den Wandel des Arbeitsmarkts könnten unterbrochene Erwerbsbiografien künftig eher zur Regel als zur Ausnahme werden – insbesondere für ältere Menschen, die nicht immer so flexibel auf Veränderungen reagieren können.
Trotzdem behandelt die Kommission solche Brüche an vielen Stellen ihres Berichts als Abweichung vom Ideal. Statt das Rentensystem auf diese Veränderungen vorzubereiten, setzt sie auf individuelle Vorsorge und möglichst viele Beitragsjahre.
Dabei bleibt eine entscheidende Frage offen: Wird es in Zukunft überhaupt genügend passende Jobs für Menschen geben, die bis ins hohe Alter arbeiten sollen? Auf diese Frage gibt der Bericht keine überzeugende Antwort – und damit auch nicht darauf, wie soziale und finanzielle Absicherung in einer sich verändernden Welt für alle funktionieren kann.
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Leider bleibt damit auch das Thema Altersarmut unbeantwortet. Die Rentenkommission verweist auf die Grundsicherung im Alter. Sie sieht sie als ausreichende Absicherung für Menschen mit geringen oder fehlenden Rentenpunkten. Entscheidend sei vor allem, den Zugang zur Grundsicherung zu erleichtern, damit mehr Anspruchsberechtigte die Leistung tatsächlich beantragen.
Es ist streitbar, ob die Grundsicherung wirklich zum Leben reicht – aber in diese Debatte steigen wir heute nicht ein. Entscheidend ist etwas anderes: Die Kommission verschiebt die Verantwortung. Wenn es politisch gewollt wäre, könnten Anträge schon heute einfacher, unbürokratischer und frei von Stigmatisierung gestaltet werden.
Das passiert aber nicht. Die fehlenden Mittel für eine verlässliche Alterssicherung würden dadurch nicht gelöst, sondern einfach nur verschoben.
Aus unserer Sicht greift der Vorschlag der Kommission damit zu kurz. Er konzentriert sich vor allem darauf, wie wir wieder mehr Menschen in langfristige Arbeitsverhältnisse bringen und die Stabilisierung des bestehenden Rentensystems.
Die eigentliche Zukunftsfrage lautet aber: Wie verteilen wir den gemeinsam erarbeiteten Wohlstand des 21. Jahrhunderts so, dass soziale Sicherheit auch dann funktioniert, wenn Lebensläufe vielfältiger werden, sich der Arbeitsmarkt grundlegend verändert und Erwerbsarbeit nicht mehr für alle Menschen die zentrale Quelle von Sicherheit sein kann.
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Kollektiver Wohlstand entsteht längst nicht mehr nur durch Erwerbsarbeit – erst recht nicht, wenn Kapitalmärkte häufig von niedrigen Löhnen profitieren. Er entsteht auch durch Produktivität, Technologie, Automatisierung, Kapital und die Infrastruktur, die wir gemeinsam aufgebaut haben.
Diese Quellen des Wohlstands werden immer wichtiger. Deshalb müssen wir darüber sprechen, wie ihre Erträge allen Menschen zugutekommen können – auch denen, deren Lebensläufe nicht lückenlos verlaufen.
Umverteilung statt Generationenkonflikt
Unser Vorschlag setzt deswegen ganz klar auf Umverteilung des mit Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam erarbeiteten Wohlstands an alle. Ein Grundeinkommen für Rentner*innen – oder wenn man so möchte eine Mindestrente – von mindestens 1.200 Euro für alle ist möglich. Alles, was es dafür braucht: Zwei Prozent Vermögensteuer.
Damit führt die Frage, wie wir Menschen vor Altersarmut absichern, auch nicht zu einem Generationenkonflikt, sondern nimmt jene mehr in die Pflicht, bei denen sich der Wohlstand heute konzentriert: die Reichen und Überreichen.
Eine weitaus universellere, flexiblere und nachhaltigere Lösung als die Vorschläge der Rentenkommission. Denn über die Ausgestaltung der Vermögensteuer könnte man auch künftig flexibel auf Belastungen für das Rentensystem und Veränderungen im Arbeitsmarkt reagieren – denn vielleicht tun bei Überreichtum auch zehn Prozent nicht weh.
Weil auch dir ein Stück vom Kuchen zusteht!
Grundeinkommen für Menschen in Rente: Mindestens 1.200 Euro Rente für alle ist möglich – und es ist Zeit! Denn wir alle tragen unser Leben lang zu Wohlstand in dieser Gesellschaft bei – in Erwerbsarbeit, in Pflege, in der Familie.
Was überzeugt dich am Bericht der Rentenkommission – und was fehlt dir? Was hältst du von den Vorschlägen der Rentenkommission. Und wie findest du unsere Alternative? Schreib es uns in die Kommentare!
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