Du kennst das: Beim Familienessen, im Büro oder auf einer Party fällt so ein Spruch – und dir fehlen die Worte. In Das stimmt so nicht! sammeln Organisationen aus der Zivilgesellschaft Wissen und Argumente zu den großen Fragen unserer Zeit. Im Magazin vertiefen sie diese Themen. Heute: Lohnt sich Klimaschutz überhaupt noch, wenn das 1,5-Grad-Ziel außer Reichweite gerät?
Alles zu spät, da kann man nichts mehr machen. Dieses "Argument" hören wir häufig, vor allem von Menschen, die an der Sinnhaftigkeit von Klimaschutzmaßnahmen an sich zweifeln oder Aktivist*innen ihre Wirksamkeit absprechen wollen.
Fakt ist: Die Auswirkungen der Klimakrise sind schon jetzt gravierend und drohen, sich noch weiter zu verstärken. Aber warum ergibt Engagement für Klimaschutz auch in diesem Szenario Sinn? Und: Lässt sich die Klimakrise doch noch abwenden? Wir sehen uns das genauer an.
Heute zeigt sich, wie berechtigt diese Warnung war. Im Januar 2026 lag die globale Durchschnittstemperatur erstmals drei Jahre in Folge über der 1,5-Grad-Marke. Der Mai 2026 war außerdem der zweitwärmste Mai seit Beginn der Messungen.
Schon für das Jahr 2024 meldete der EU-Klimadienst Copernicus, dass die globale Durchschnittstemperatur 1,6 Grad über dem vorindustriellen Niveau (1850–1900) lag.
Auf Europa allein bezogen ist diese Erwärmung sogar noch viel stärker: Der Kontinent erhitzt sich mehr als doppelt so schnell wie der Rest der Welt. 2025 war es in Europa sogar 2,4 Grad heißer als in den Jahren zwischen 1850 und 1900.
Wer spricht hier?
Mika Schachenmayr ist 26 Jahre alt und setzt sich als Klimaaktivist*in bei Fridays for Future für einen fossilen Ausstieg und globale Gerechtigkeit ein.
Mika hat Umweltwissenschaften und Architektur studiert und lebt und arbeitet in Berlin.
Und doch: Noch gilt das 1,5-Grad-Ziel trotz dieser Rekorde nicht als verloren. Die Überschreitung ist erst dann offiziell, wenn das Ziel über einen deutlich längeren Zeitraum gerissen wird – 20 Jahre beim Weltklimarat (IPCC) und 30 Jahre bei der Weltorganisation für Meteorologie (WMO).
Im Jahr 2025 war es beispielsweise insgesamt kälter als im Vorjahr. Solche Schwankungen werden durch die Nutzung der jahrzehntelangen Überwachungszeiträume berücksichtigt. Aber:
Die Klimakrise ist nicht "abgesagt"
Anfang 2026 interpretierten manche Medien sowie unter anderem auch US-Präsident Trump, der Weltklimarat IPPC habe den Klimawandel "abgesagt". Diese Behauptung ist falsch.
Der Hintergrund: Der IPCC beschloss 2026, dass ein besonders pessimistisches Zukunftsszenario nicht mehr verwendet werden soll. Die Variante SSP5-8.5 ging von einer Zukunft mit besonders hohen Emissionen aus, in der Staaten fast keinen Klimaschutz betreiben und sogar mehr Kohle, Öl und Gas verbrauchen.
Dieses Szenario ist inzwischen nicht mehr sinnvoll: Internationale Klimapolitik und der Boom erneuerbarer Energien sowie klimafreundlicher Technologien haben dieses Worst-Case-Szenario höchst unwahrscheinlich gemacht.
Wichtig ist dabei jedoch: Die schlimmsten Szenarien sind nur deshalb nicht eingetreten, weil viele Staaten Klimaschutz betrieben haben. Klimaschutz hat also bereits gewirkt.
Obwohl Politik und Technologie sich damit aktuell nicht auf dem schlimmstmöglichen Pfad bewegen, schreitet die Erderwärmung bedrohlich schnell voran: Die Nachfolgerin der Variante SSP5-8.5, das neue Worst-Case-Szenario des IPCC, geht immer noch von 3,5 Grad Erwärmung bis zum Ende des Jahrhunderts aus. Es gibt also keinerlei Anlass zur Entwarnung: Die Klimakrise ist trotz veränderter Szenarien des IPCC nicht vom Tisch.
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Die 1,5-Grad Verpflichtung von Paris beruhte zunächst auf einem Vorstoß kleiner Inselstaaten, die das zuvor übliche 2-Grad-Ziel in den Verhandlungen von Paris nachschärfen wollten. Das Ziel ist daher zuallererst ein politisches. Es ist keine Schwelle, die jedes Handeln darüber hinaus sinnlos macht.
Generell gilt: Mit jedem Zehntelgrad Erwärmung nehmen Klimarisiken rasant zu. Ab 1,5 Grad sind diese Effekte bereits deutlich spürbar, ab 2 Grad werden sie aber noch viel stärker: Ganze Regionen der Erde könnten wegen Hitze über Wochen oder sogar Monate hinweg nicht mehr bewohnbar sein.
Ab 2,5 oder 3 Grad drohen tödliche Hitzewellen, verheerende Stürme, kippende Ökosysteme und versauernde Ozeane. Anhaltende Dürren, steigende Meeresspiegel und weltweite Hungerkrisen würden ganze Staaten ins Wanken bringen und Millionen Menschen in die Flucht treiben. Eine 3 Grad wärmere Welt wäre jenseits dessen, was die Menschheit jemals in ihrer Geschichte erlebt hat.
Das heißt: Im Zusammenhang all dieser Szenarien wäre eine 1,5 Grad wärmere Welt noch die sicherste für Mensch und Ökosysteme. Die aktuellen Klimaziele der Regierungen weltweit reichen aber laut dem UN-Emission Gap Reportfür diesen risikoärmeren Verlauf der Klimakrise noch nicht aus.
Und: Auch dieser Verlauf ist ja gar nicht zwingend festgelegt. Der Weltklimarat untersucht in seiner letzten Ausgabe neben Worst-Case-Szenarien auch weiterhin deutlich optimistischere Verläufe.
Mit mehr internationaler Zusammenarbeit, schneller Dekarbonisierung – also der schrittweisen Abkehr von fossilen Energieträgern wie Kohle, Öl und Gas – sowie dem Übergang zu einer Wirtschaft und Gesellschaft ohne Ausstoß von klimaschädlichem Kohlenstoffdioxid (CO₂) bis 2050 ist eine Zukunft mit einer Erwärmung unter 2 Grad weiter möglich.
Wie stark die Klimakrise unser Leben verändert, ist eine Frage des politischen Willens. Jede Entscheidung für oder gegen wirksamen Klimaschutz entscheidet darüber, wie viele Menschen ihre Lebensgrundlage verlieren, wie viele Arten aussterben und wie lebenswert unsere Zukunft bleibt. Sicher ist nur: Je länger wir warten, desto kleiner werden unsere Handlungsspielräume.
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