Du kennst das: Beim Familienessen, im Büro oder auf einer Party fällt so ein Spruch – und dir fehlen die Worte. In Das stimmt so nicht! sammeln Organisationen aus der Zivilgesellschaft Wissen und Argumente zu den großen Fragen unserer Zeit. Im Magazin vertiefen sie diese Themen. Heute: geschlechtersensible Sprache und wie Sprache von Rechts instrumentalisiert wird.
"Ich lass' mir von der Sprachpolizei doch nicht vorschreiben, wie ich rede!", poltert dein Onkel beim Abendessen, als im Radio jemand von "Zuhörer*innen" spricht. Am Tisch wird genickt, jemand murmelt: "Man darf doch heute eh nichts mehr sagen". Und plötzlich geht es nicht mehr um Sprache, sondern um Freiheit.
Auch wenn bei solchen Sätzen unsere Bäuche grummeln – dahinter steckt oft eine echte Sorge: Darf ich noch so sprechen, wie ich will? Werde ich verurteilt, wenn ich etwas "Falsches" sage? Und wer entscheidet eigentlich über die Regeln unserer Sprache? Zeit für einen Faktencheck.
Wer spricht hier?
PINKSTINKS ist ein gemeinnütziger Verein aus Hamburg, der Sexismus und Antifeminismus seit 2012 aktiv entgegentritt. Er bildet, berät, übersetzt und vernetzt – aus intersektionaler Perspektive und aus vollem Herzen. Die Vision: eine Welt, in der Vielfalt selbstverständlich ist und Geschlechterrollen genauso altmodisch sind wie Faxgeräte. PINKSTINKS arbeitet spendenfinanziert.
Kurz vorweg: Was bedeutet "gendergerechte" Sprache eigentlich? Die Grundidee ist einfach: Gendergerechte Sprache ist der Versuch, alle Geschlechter sprachlich sichtbar zu machen – oder zumindest keine Person oder Personengruppe auszuschließen.
Versucht wird das auf unterschiedliche Weise: durch Doppelnennungen wie "Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter", durch neutrale Begriffe wie "Mitarbeitende" und "Team" – oder durch sogenanntes Gendern mit Sonderzeichen wie Doppelpunkt (Mitarbeiter:innen), Unterstrich (Mitarbeiter_innen), Binnen-I (MitarbeiterInnen) oder Genderstern (Mitarbeiter*innen).
Keine dieser Formen ist perfekt. Aber alle sind ein Versuch, Sprache ein bisschen gerechter zu machen. Trotzdem halten sich erstaunlich viele Mythen und Missverständnisse rund um das Thema. Denn:
1. Niemand muss gendern.
Fakt ist: Es gibt kein Gesetz, das Privatpersonen zum Gendern verpflichtet. Kein Bußgeld. Keinen Sprachzwang. Niemand steht mit Duden und Strafzettel hinter uns, wenn wir nicht gendern.
Die Erzählung von der "woken Sprachpolizei" lebt davon, dass Gendern wie ein Zwang wirkt. Schauen wir genauer hin, stimmt das aber ganz einfach nicht.
2. Sprache hat sich schon immer verändert.
Bis 1971 war "Fräulein" offizielle Amtsanrede. In den 1990ern galten Anglizismen wie "News" und "Download" als Sprachverfall. Heute löst das längst keine hitzige Diskussion mehr aus. Wir merken uns: Sprachdebatten werden fast immer emotional geführt – und kühlen mit der Zeit ab. Am Ende entscheidet die Sprachgemeinschaft. Also wir alle. Denn: Sprache wandelt sich, weil sich Gesellschaft wandelt.
Bleib auf dem Laufenden!
Kennst du schon den Newsletter von PINKSTINKS? Der ist was ganz Besonderes: politische Themen aus feministischer Perspektive eingeordnet, dazu viel Hilfreiches gegen Alltagssexismus und allerlei Linktipps. Jetzt ganz einfach hier anmelden.
3. Sprache beeinflusst Denken.
Dass Sprache unser Denken mitgestaltet, ist in der Sprachwissenschaft gut belegt. Begriffe wie "Rabenmutter" zeigen, wie stark Sprache bewertet. Das Wort macht sofort ein Bild auf: eine Frau, die egoistisch, hartherzig oder verantwortungslos handelt. "Rabenvater" steht zwar im Duden, ist aber längst nicht so geläufig. Schon daran sehen wir: Sprache verrät auch, welche Erwartungen wir an Menschen haben – und welche Zuschreibungen damit einhergehen.
Noch ein Beispiel: Ob wir von einer "Putzfrau" sprechen oder von einer "Reinigungskraft", macht einen Unterschied. Das erste Wort ruft schnell ein bestimmtes Bild hervor – weiblich, oft eher gering geschätzt. Das zweite beschreibt die Tätigkeit sachlicher und öffnet gedanklich mehr Möglichkeiten.
Dasselbe gilt für das sogenannte "generische Maskulinum", also wenn wir mit "Nachbar" oder "Koch" eigentlich alle meinen. Klingt erstmal neutral, oder? Studien deuten aber darauf hin, dass unser Gehirn bei Begriffen im generischen Maskulinum vor allem Männer sieht. Sogar bei Berufen, in denen mehrheitlich Frauen arbeiten, wie zum Beispiel "Sozialarbeiter".
Kennst du schon unsere Verlosung?
Das stimmt so nicht! ist ein Projekt von Mein Grundeinkommen. Seit über zehn Jahren verlosen wir Bedingungslose Grundeinkommen und erforschen, wie finanzielle Sicherheit das Leben von Menschen verändert. Vielleicht möchtest du selbst mitmachen:
In einer anderen Studie wurden Menschen gebeten, "Musiker" zu nennen – und nannten vor allem Männer. Bei der Frage nach "Musikern und Musikerinnen" wurden dagegen deutlich mehr Frauen genannt. Und: Kinder trauen sich einen "typisch männlichen" Job eher zu, wenn er in der männlichen und weiblichen Form formuliert ist (zum Beispiel "Ingenieurin und Ingenieur" statt nur "Ingenieur").
Gendergerechte Sprache ist deshalb eine gut anwendbare Möglichkeit, die Vielfalt der Gesellschaft auch sprachlich abzubilden. Und es geht nicht nur darum, Frauen sprachlich abzubilden. Gerade für trans*, inter*, agender und nicht-binäre Menschen geht es oft um etwas ganz Grundsätzliches: überhaupt sprachlich vorzukommen und in ihrer Existenz anerkannt zu werden.
4. Sprache ist Macht. Und Werkzeug.
Sprachdebatten sind nie nur Sprachdebatten. Sie haben auch immer etwas mit Macht, Identität und Sichtbarkeit zu tun. Historisch ging es dabei häufig um Religion, nationale Identität oder Kultur. Heute geht es zusätzlich um Geschlechtergerechtigkeit – und damit auch um Privilegien, die hinterfragt werden. Das fühlt sich für manche nach Verlust oder Angriff an. Tatsächlich ist es eine Aushandlung darüber, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen.
Ein Beispiel aus der Welt der Sprachdebatten abseits des Genderns ist die EU-Diskussion um pflanzliche Produkte. Politiker*innen diskutierten darüber, ob "eine Wurst eine Wurst" sei und forderten Verbote für "Veggie-Wurst" und "Soja-Burger" – offiziell wegen des Schutzes von Verbraucher*innen. Tatsächlich ging es vor allem um Marktanteile, Lobbyinteressen und Profite der Fleischindustrie.
Kleiner Hebel mit großer Wirkung
Natürlich macht Gendern uns nicht über Nacht gleichberechtigter – und das behaupten wir auch nicht. Aber die Forschung zeigt: Wörter formen ganz nebenbei, wie wir denken und wen wir (wie) sehen.
Wie du sprechen möchtest – das liegt natürlich bei dir. Gendergerechte Sprache ist kein Muss, sondern nur eins von vielen Werkzeugen. Ein winziger Hebel, den du drehen kannst, damit irgendwo jemand ein bisschen mehr mitgedacht und die Welt ein kleines bisschen einladender wird.
Das könnte dir auch gefallen
"In Zeiten von Krieg und Krisen – wie wichtig sind da meine persönlichen Sorgen?"
Warum Selbstfürsorge und Solidarität zusammengehören
Du findest gut was wir tun? Dann unterstütze uns als Crowdhörnchen – schon ab 1 Euro! Damit ermöglichst du unsere journalistische Arbeit, Forschung zum Grundeinkommen und die Verlosung. Bist du dabei?