Kriege, Klimakrise, Armut – sie prägen die Nachrichtenlage und den Alltag vieler Menschen. Manch eine*r stellt deshalb die eigenen Belastungen infrage. Warum persönliches Leid nicht gegen das Leid anderer aufgerechnet werden sollte und weshalb Selbstfürsorge eine Voraussetzung für nachhaltiges Engagement ist, liest du hier.
Wenn es um psychische Gesundheit geht, gibt es einen Gedanken, den viele Menschen kennen, der aber selten laut ausgesprochen wird: "Eigentlich habe ich keinen Grund dafür, dass es mir schlecht geht."
Einerseits spürt man Erschöpfung, Überforderung, Traurigkeit oder Angst. Doch andererseits meldet sich sofort eine zweite, zweifelnde Stimme:
"Andere Menschen sind von Armut betroffen."
"Manche kämpfen gerade mit großen Krisen wie einem Trauerfall."
"Es gibt so viele Kriege, verbunden mit Flucht. Menschen kämpfen ums Überleben."
– da kann ich mich in meiner privilegierten Situation doch nicht schlecht fühlen. Oder?
Durch die Auseinandersetzung mit globalen Krisen, sozialer Ungleichheit, Diskriminierung oder menschlichem Leid entwickelt sich eine Form von innerem Widerspruch oder Vergleich: Mir geht es schlecht. Aber den anderen geht es doch viel schlechter.
Dieser Gedanke ist nachvollziehbar. Vielleicht sogar solidarisch. Schließlich geht es darum, das eigene Leid nicht wichtiger zu nehmen als das anderer Menschen. Doch genau hier beginnt häufig ein psychologisches Problem.
Wer spricht hier?
Freunde fürs Leben klären seit 2001 bundesweit über Depression, Suizid und mentale Gesundheit auf. Mit kreativen Projekten wie Videos, Social-Media-Formaten, Kampagnen, Aufklärungsmaterial und Workshops informieren sie über Warnsignale, machen Hilfsangebote sichtbar und stärken offene Gespräche über psychische Krisen. Jasmin Hollatz ist die Vereinsleitung, Vera Colditz Redakteurin und Social-Media-Managerin.
Mitgefühl für andere kann unbemerkt in Härte gegenüber sich selbst umschlagen. Was als Perspektivwechsel beginnt, kann zu einer ständigen Relativierung der eigenen Gefühle führen. Belastungen werden heruntergespielt, Warnsignale ignoriert und Bedürfnisse verdrängt. Psycholog*innen beschreiben solche Prozesse teilweise als Selbst-Gaslighting: Menschen beginnen, an ihrem eigenen Erleben zu zweifeln, obwohl dieses Erleben real ist.
Leid funktioniert nicht wie eine Rangliste
Menschen vergleichen ihr Leben oft mit dem anderer. In der Sozialpsychologie spricht man hier vom sozialen Vergleich – einem Konzept, das auf den Psychologen Leon Festinger zurückgeht. Bei der sogenannten Downward Comparison (zu Deutsch etwa: Abwärtsvergleich) vergleicht man sich mit Menschen, denen es scheinbar schlechter geht.
Psychische Belastung folgt jedoch nicht diesem Prinzip: Das Gehirn bewertet sie individuell und abhängig vom Kontext. Faktoren wie Stress, Schlaf, soziale Unterstützung, biografische Erfahrungen oder körperliche Gesundheit beeinflussen das Empfinden.
Studie zeigt: Weniger Stress, besserer Schlaf, mehr Zeit – dank Grundeinkommen.
Kurzfristig kann Relativierung funktionieren. Langfristig kann sie dazu führen, dass Belastungen zu spät ernst genommen werden. Problematisch wird es, wenn aus dieser Beobachtung die Schlussfolgerung entsteht: "Deshalb darf meine Belastung nicht wichtig sein."
Denn die entscheidende Frage lautet nicht: "Haben andere Menschen größere Probleme als ich?", sondern: "Belastet mich das, was ich gerade erlebe?"
Ein Grund dafür ist die dauerhafte Konfrontation und Auseinandersetzung mit Krisen. Das Gehirn reagiert darauf ähnlich wie auf andere Stressoren: mit erhöhter Aktivität von Stresshormonen wie Cortisol. Dieses Phänomen wird unter anderem als Activist Burnout oder Compassion Fatigue beschrieben (zu Deutsch etwa Aktivismus-Erschöpfung beziehungsweise Mitgefühlserschöpfung).
Ein widersprüchliches Muster tritt dabei häufig auf: Insbesondere Menschen, die sich stark für andere einsetzen und Belastungen von Menschen sehr feinfühlig erkennen, erlauben sich selbst wenig Raum für eigene Sorgen und Herausforderungen. Nicht selten steckt dahinter die Vorstellung, dass Selbstfürsorge egoistisch sei oder angesichts weltweiter Krisen unangemessen sein könnte.
Die Welt wichtig nehmen, ohne sich selbst zu vergessen
Psychische Gesundheit bedeutet nicht, dass ein Leben frei von Belastungen sein muss und sie bedeutet auch nicht, dass Gefühle erst objektiv gerechtfertigt werden müssen, bevor sie ernst genommen werden dürfen.
Emotionen erfüllen eine wichtige Funktion. Sie zeigen an, wie etwas auf uns wirkt, sie zeigen aber auch, wenn etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Erschöpfung kann auf Überlastung hinweisen. Traurigkeit kann anzeigen, dass etwas fehlt. Angst kann auf Unsicherheit oder Bedrohung aufmerksam machen.
Diese Signale verschwinden nicht, wenn man sie moralisch bewertet oder in Zusammenhang setzt. Das eigene Leid ernst zu nehmen bedeutet deshalb nicht, die Probleme anderer Menschen zu ignorieren. Es bedeutet lediglich, sich selbst nicht aus dem Kreis der Menschen auszuschließen, die Fürsorge verdienen.
Kennst du schon unsere Verlosung?
Das stimmt so nicht! ist ein Projekt von Mein Grundeinkommen. Seit über zehn Jahren verlosen wir Bedingungslose Grundeinkommen und erforschen, wie finanzielle Sicherheit das Leben von Menschen verändert. Vielleicht möchtest du selbst mitmachen:
Und du? Wie schaffst du die Balance zwischen Mitgefühl für andere und Fürsorge für dich selbst? Teil deine Erfahrungen mit uns in den Kommentaren!
Das könnte dir auch gefallen
Die Angst wächst, die Kriminalität sinkt
Zahlen zeigen: Deutschland wird sicherer – auch wenn AfD und Co. uns etwas anderes erzählen wollen
Du findest gut was wir tun? Dann unterstütze uns als Crowdhörnchen – schon ab 1 Euro! Damit ermöglichst du unsere journalistische Arbeit, Forschung zum Grundeinkommen und die Verlosung. Bist du dabei?
Du findest gut was wir tun? Dann unterstütze uns als Crowdhörnchen – schon ab 1 Euro! Damit ermöglichst du unsere journalistische Arbeit, Forschung zum Grundeinkommen und die Verlosung. Bist du dabei?